Gewaltfreie Kommunikation am Arbeitsplatz

"Mach doch was du willst"

 – Kommunikationsblockaden am Arbeitsplatz abbauen
&  konstruktiv miteinander umgehen –

 

In diesem Kurs lernen Sie:


 

1. Gewalt in der Kommunikation?

Eine Szene aus dem Arbeitsalltag

Gewalt in der Sprache – Starker Tobak? 

Kennen Sie ähnliche Gespräche wie diese aus Ihrem Arbeitsalltag? Ihre Themen mögen andere sein, doch die Dynamik dahinter ist meist die gleiche. Die beiden Kollegen haben sich in dieser Szene durch bestimmte Aussagen so in Rage geredet, dass daraus ein Konflikt entstanden ist. 

Selbst "harmlosere" Gespräche können sich so entwickeln, dass ein aufeinander Eingehen blockiert wird. 

Dieser Film eignet sich hervorragend dafür, Ihnen einige Elemente und Grundannahmen gewaltsamer bzw. lebensentfremdender Verständigung aufzuzeigen.

Wie geht es Ihnen mit den Aussagen?

  • Man muss ja nicht jeden Blödsinn mitmachen bei den Trends der App-Entwicklung
  • Das Problem ist, dass du manches mal über die Stränge schlägst.
  • Dann braucht es eben auch Leute, die sachlich bleiben können und nicht sofort eingeschnappt sind, wenn man mal die kleinste Kritik übt.
  • Also ich glaube du verpasst die Entwicklung total, die da draussen läuft.
  • Wenn der Chef redet, wird er oft laut dabei
  • Was tust du denn da jetzt so schlau?! Ist doch jetzt auch egal, warum, weshalb, wieso.

Stellen Sie sich vor, folgende Aussagen werden Ihnen mitgeteilt. Bei welchen der Aussagen fühlen Sie sich unwohl oder merken Widerstand, wollen sich zurückziehen oder sogar in den Gegenangriff gehen?

True = Die Aussage hemmt Ihre Bereitschaft, auf die andere Person eingehen zu wollen.

Gewalt in der Sprache

Was haben gewaltsame Aussagen gemeinsam?

Sie konnten in der Übung erfahren, dass bei einigen Aussagen Ihre Bereitschaft stark abgenommen hat, oder Sie sogar Widerstand verspürten, auf die entsprechende Aussage noch freundlich reagieren zu können. Alle gewaltsamen Sprachelemente lenken von den eigenen Bedürfnissen ab und lösen beim Gesprächspartner entweder Frustration, Druck, Enttäuschung, Widerstand, Schuld, Scham oder Angst aus. Das führt letztendlich zu Blockaden für einen konstruktiven und wohlwollenden Kontakt miteinander.

Die Folgen lebensentfremdender Sprache 

All diese Sprachanteile bewirken in der Regel, dass der andere darauf entweder mit Rückzug, Verteidigung oder Gegenangriff reagiert. 

So entsteht eine Art von Duett, bei dem Vorwürfe mit Analysen beantwortet werden oder Unterstellungen mit Urteilen: Ein Konflikt eskaliert.

Zu den Klassikern der gewalttätigen Kommunikation gehören:

  • Verantwortung für die eigenen Gefühle & Handlungen leugnen
  • Vorwürfe & Unterstellungen
  • Verallgemeinerungen
  • Analysen & Interpretationen
  • Belehren & Besserwissen

Was ist was?

Ordnen Sie die Begriffe den jeweiligen Beispielen in den Boxen zu.
Ziehen Sie dazu die Begriffe mit der Maus auf die grauen Flächen unterhalb der Beispielboxen.
  • Belehren & Besserwissen
  • Vorwürfe & Unterstellungen
  • Verallgemeinerungen
  • Verantwortung für Gefühle & Handlungen leugnen

Textzuordnungs-Frage

Ordnen Sie die Aussagen richtig zu!
Ziehen Sie dazu die Textbausteine von der rechten Seite an die dazugehörigen Aussagen auf der linken Seite. 

  • Man muss ja nicht jeden Blödsinn mitmachen bei den Trends der App-Entwicklung
    Gewaltfrei: Persönliche Meinung über einen Sachverhalt
  • Also ich glaube du verpasst die Entwicklung total, die da draussen läuft.
    Gewaltsam: Analyse / Unterstellung / Urteil
  • Oh mann, nimm das doch jetzt bittenicht persönlich, wir können doch ganz sachlich diskuttieren.
    Gewaltsam: Analyse / Unterstellung / Urteil
  • Genau – sachlich Diskuttieren, da muss man dann aber auch bei der Wahrheit bleiben und nicht die Tatsachen verdrehen.
    Gewaltsam: Analyse / Unterstellung / Urteil
  • Ich finde nur, dass in dieser Firma manchmal zu lange überlegt wird, bis wir loslegen.
    Gewaltfrei: Persönliche Meinung über einen Sachverhalt
  • Was tust du denn jetzt so schlau?! Ist doch jetzt auch egal, warum, weshalb, wieso!
    Gewaltsam: Analyse / Unterstellung / Urteil
  • Das Problem ist, dass du manches mal über die Stränge schlägst.
    Gewaltsam: Analyse / Unterstellung / Urteil

Glückwunsch!

Sie haben nun ein paar Hindernisse kennengelernt, die eine kollegiale Zusammenarbeit erschweren können.

Im nächsten Abschnitt erfahren Sie die Annahmen, auf denen das Konzept dieses Kurses – der Gewaltfreien Kommunikation – aufgebaut ist. 

Gehen Sie dazu zu dem zweiten Abschnitt weiter "Hintergrund der Gewaltfreien Kommunikation".

2. Hintergrund der Gewaltfreien Kommunikation (GfK)

Grundannahmen der Gewaltfreien Kommunikation (GfK)

Die Gewaltfreie Kommunikation basiert auf vier Grundannahmen:

  1. Gewalt ist der tragische Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses. Verbale Gewalt ist der Versuch, sich mit dieser "Behelfssprache" ein Bedürfnis zu erfüllen. Denn alles was Menschen sagen oder tun, ist letztlich der Versuch, Bedürfnisse zu befriedigen. Jeder Ausdruck von Gewalt ist demnach ein misslungener Versuch, sich Bedürfnisse zu erfüllen.

2. Menschen handeln in erster Linie für sich und nicht gegen andere. Wir "hören" und erkennen in der Handlung eines anderen hauptsächlich eine Aussage, die er über sich selbst, über seine Gefühle und Bedürfnisse macht.

3.  In der GfK ist es wichtig, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt sind und soweit es geht, auch erfüllt werden.


4.  Menschen liegt grundsätzlich daran, in einer guten Verbindung miteinander zu stehen. Wenn ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse gehört und respektiert werden, tun sie nichts lieber, als zur Erfüllung der Bedürfnisse anderer beizutragen.

Was wir brauchen

Aus der Sicht der GfK sind Bedürfnisse Dreh- und Angelpunkt des Lebens: Ohne sie gäbe es keinen Anlass für Handlungen. Alles, was Menschen tun, soll letztendlich dem Erfüllen ihrer Bedürfnisse dienen – und das gelingt mal mehr, mal weniger gut.

Hören Sie die Bedürfnisse der Aussagen heraus?

Was die Menschen eigentlich sagen wollen, steht meist zwischen den Zeilen. Können Sie die Bedürfnisse identifizieren?
– Ordnen Sie die Textbalken der Bedürfnisse, den dazugehörigen Sprechblasen zu.
Ziehen Sie dazu die Sätze mit der Maus auf die grau hinterlegten Flächen unter den Sprechblasen.

 

  • Bitte schenk mir jetzt deine Aufmerksamkeit
  • Glaubst du, dass es was mit mir zu tun hat?
  • Kannst du mich bitte später fragen?
  • Willst du mir helfen?
  • Deine Unterstützung ist mir wichtig.
  • Ich fühle mich unsicher & weiß immer noch nicht, worauf du hinauswillst.

Die Bedürfnisse an den Wurzeln unserer Gefühle

Unter Bedürfnissen verstehen wir das, was alle Menschen zum Leben brauchen. Dabei unterscheiden wir zwischen 

  • körperlichen Bedürfnissen
    wie etwa nach Ruhe, Sexualität oder Schutz, 
  • individuellen Bedürfnissen,
    z.B. nach Autonomie, Kreativität, Selbstverwirklichung und Integrität und
  • sozialen Bedürfnissen
    wie Zugehörigkeit oder Wertschätzung. 

Zu deren Erfüllung brauchen wir andere Menschen.

Eine Auswahl menschlicher Bedürfnisse, wie wir sie in der GfK verstehen

Wenn wir unsere Bedürfnisse indirekt durch Bewertungen, Interpretationen und Vorstellungen ausdrücken, werden andere höchstwahrscheinlich Kritik heraushören. Und wenn Menschen etwas hören, das auch nur entfernt nach Kritik klingt, dann neigen sie dazu, ihre Energie in die Verteidigung oder in einen Gegenangriff zu stecken.

Wünschen wir uns von anderen Menschen eine kollegial und wohlwollende Reaktion, dann sabotieren wir diesen Wunsch, wenn wir unsere Bedürfnisse als Interpretationen und Verhaltensdiagnosen der anderen zum Ausdruck bringen.

Je besser es uns jedoch gelingt, unsere Gefühle direkt mit unseren eigenen Bedürfnissen zu verknüpfen, desto einfacher ist es für andere, einfühlsam auf unsere Bedürfnisse zu reagieren.

Bedürfnisse herausfinden 1

Trainieren Sie in dieser Übung, die Bedürfnisse herauszuhören, die hinter den Aussagen stecken.
Zur Erleichterung können Sie in der Liste nachsehen. Vielleicht fällt Ihnen auch das ein oder andere Bedürfnis ein, das auf der Liste fehlt?!

  1. Es nervt mich, wenn in der Besprechung endlos diskutiert wird.

Bedürfnisse herausfinden 2

2. Ich bin bedrückt, weil der Chef was von Arbeitsplatzabbau gesagt hat.

Bedürfnisse herausfinden 3

3. Du nimmst mich nicht ernst – das macht mich total sauer!

Bedürfnisse herausfinden 4

4. Ich fühl' mich in dem Team unwohl. Da herrscht so ein schroffer Umgangston.

Glückwunsch!

Mögliche Bedürfnisse zu den Aussagen: 

  1. Es nervt mich, wenn in der Besprechung endlos diskutiert wird.
    Bedürfnis nach: Effektivität, Vorwärts kommen, Zeit sinnvoll nutzen
  2. Ich bin bedrückt, weil der Chef was von Arbeitsplatzabbau gesagt hat.
    Bedürfnis nach: Sicherheit, Lebenserhalt, Sinnhaftigkeit
  3. Du nimmst mich nicht ernst – das macht mich total sauer!
    Bedürfnis nach: Akzeptanz, Respekt, Wertschätzung
  4. Ich fühl' mich in dem Team unwohl. Da herrscht so ein schroffer Umgangston.
    Bedürfnis nach: Freundlichkeit, Menschlichkeit

In diesem Abschnitt haben Sie etwas über die Haltung der GfK erfahren, Ihren Kontakt mit Kollegen fördern kann. Und Sie konnten Ihre Fähigkeit trainieren, Bedürfnisse herauszufinden, die indirekt ausgedrückt werden.

In der dritten Einheit lernen Sie mehr zu trennenden und verbindenen Sprachmustern.

3. Trennende Sprachmuster

Auf Kollisionskurs

Klicken Sie auf die Sprechblase am unteren Bildrand, um das Gespräch fortzuführen.

Text

Nein, eine angenehme Situation ist das wirklich nicht, in der sich Sonja befindet. Und sie reagiert auf diese Situation so, wie es viele Menschen tun: mit Schuldzuweisungen und Unterstellungen. "Seinem Ärger Luft machen" wird es dann genannt – aber was in der Regel übrig bleibt, sind statt einer bereinigten Atmosphäre verhärtete Fronten und eingemauerte Positionen.

An dieser Stelle soll uns Sonjas Wutausbruch als Anlass dienen, uns mit weiteren Sprachelementen auseinanderzusetzen, die Menschen von sich selbst und anderen trennen.

Sprachmuster, die trennen

Verantwortung leugnen

Wer sich als Opfer einer Intrige hält, weist damit die Verantwortung für seine Lage & eigenes Handeln weit von sich. Ganz gleich, ob sich Sonjas Verdacht, Markus würde sie absichtlich nicht informieren, irgendwann bestätigen wird oder nicht: Vorerst bleibt es eine Unterstellung. Und die ist nicht besonders hilfreich, wenn es um das Lösen des eigentlichen Problems geht.

Die Suche nach dem "wahren Täter" führt meist in eine Sackgasse. Denn wer "nichts dafür kann", erfährt nichts über seine eigentlichen Gefühle & Bedürfnisse – und bleibt darüber hinaus auf seinem Ärger sitzen.

Schuldzuweisungen & Unterstellungen

...sind Ablenkungsmanöver von eigenen Bedürfnissen und nach unseren Erfahrungen Ausdruck der eigenen Hilflosigkeit. Wenn sie nicht im direkten Kontakt ausgesprochen werden, finden sie häufig Anwendung beim "Herziehen über andere". 

Tratsch am Arbeitsplatz ist ein Thema, das viele belastet: Laut einer aktuellen Umfrage vermiest er 48% der Befragten den Job. Unter gegenseitigen Schuldzuweisungen leiden 52%.

Wer über andere herzieht, braucht nicht über sich selbst zu reden – oder gar nachzuforschen, wie es um die eigenen Gefühle und Bedürfnisse steht. Schade eigentlich, denn genau die sind es wert, miteinander geteilt zu werden.

Verallgemeinerungen

"Wieso nimmt eigentlich jeder ständig diesen Idioten in Schutz?", fragt Sonja voller Empörung.

Immer, ständig, nie oder jeder gehören zu den Verallgemeinerungen, die als "Verstärker" eingesetzt werden, um einer Aussage größeren Nachdruck zu verleihen. 

In Wirklichkeit passiert dabei genau das Gegenteil und die vermeintlich Beobachtung wird zur Falschmeldung.

Glückwunsch!

In diesem Kapitel haben Sie Sprachmuster kennengelernt, die den Kontakt zu Kollegen und Mitarbeitern blockieren können.

Über Verbindende Sprachmuster erfahren Sie im nächsten Abschnitt 4

4. Verbindende Sprachmuster

Sprachmuster die verbinden

Wie erging es Ihnen mit diesem Gespräch?

Der entscheidende Unterschied:

Frau Holler hörte einfühlsam zu. Anstelle Ihnen Ratschläge zu geben oder die Situation zu interpretieren, hat sie zusammen mit Ihnen über Ihre Empfindungen gesprochen.

  • Es hat mich frustriert, weil Frau Holler keine Lösung für mein Problem gefunden hat.
  • Ich bin froh, dass mir Frau Holler so gut zugehört hat.
  • Ich empfand es richtig angenehm.
  • Ich bin erleichtert und habe den Eindruck, wirklich wahrgenommen worden zu sein.
  • Ich habe den Eindruck, Frau Holler hatte Mitleid mit mir.
Welche Empfindungen löste das Gespräch bei Ihnen aus?
Es sind mehrere Antwortmöglichkeiten möglich.

Sprachmuster, die verbinden

Zuhören, Nachfragen und Einfühlen 

Jeder von uns besitzt diese Fähigkeiten – die Voraussetzung dafür liegt in der Bereitschaft, sich voll und ganz einem anderen Menschen zuzuwenden. Der einzige Grund, einfühlsam zu sein, ist das eigene Bedürfnis danach. Mit dieser Haltung gibt es keinen Helfer und keinen Hilfebedürftigen mehr, sondern zwei Menschen, die miteinander verbindend sprechen.

Einfühlung 

Statt zu interpretieren, finden wir heraus, was den anderen bewegt – was in ihm vorgeht, was er fühlt, was er braucht.

Es geht darum, einen Menschen in einer bestimmten Situation wahrzunehmen, ihm "beizustehen" und nicht eine Lösung für sein Problem zu finden.


Beobachtungen von Bewertungen trennen

Eine Beobachtung ist grundsätzlich frei von jeder Bewertung. Sie benennt lediglich das, was etwa eine Kamera oder Aufnahmegerät in einer bestimmten Situation aufgezeichnet hätte.

Die Fähigkeit, Beobachtungen und Bewertungen voneinander zu trennen hilft dabei, vorschnell und "automatisch" zu reagieren und trennt Fakten von Vermutungen.

Übung: Beobachtung oder Bewertung?

  • 1. Karl war gestern völlig grundlos wütend auf mich.
  • 2. Gestern hat Nina in der Teambesprechung an ihren Nägeln gekaut.
  • 3. Klaus hat mich während des Meetings nicht um meine Meinung gebeten.
  • 4. Mein Kollege Heinrich ist ein guter Mensch.
  • 5. Jenny arbeitet zu viel.
  • 6. Hans ist aggressiv.
  • 7. Christine war in dieser Woche jeden Tag die erste in der Kantine.
  • 8. Herr Schmutzfink putzt sich selten die Zähne.
  • 9. Franz hat mir gesagt, gelb steht mir nicht besonders.
  • 10. Herr Wüst klagt immer, wenn ich mit ihm spreche.

Um Ihre Kompetenz in der Unterscheidung zwischen Beobachtung und Bewertung zu schulen, machen Sie bitte die folgende Übung:

Markieren Sie die Sätze, die reine Beobachtung ausdrücken – ohne jegliche Bewertung.

Glückwunsch!

Nun haben Sie das vierte Kurselement abgeschlossen und dabei Bestandteile einer Haltung kennengelernt, die Zusammenarbeit fördern kann! 

In dem fünften Teil werden Sie mehr erfahren über Gefühle am Arbeitsplatz.

5. Zeit für Gefühle – Wie viel Gefühl verträgt die Arbeit?

Gefühle am Arbeitsplatz

Die Frage ist nicht nur, wie viel Raum wir den Gefühlen geben – sondern auch, welchen. Das aufkommende Hungergefühl bei einem Meeting kann getrost eine Weile ignoriert werden und ob Sie Ihre Verzweiflung angesichts der angestauten Aufgaben mit Ihrer Kollegin teilen wollen oder nicht, werden Sie von Fall zu Fall untershieldich entscheiden wollen. Das Wahrnehmen und besonders das Aussprechen von Gefühlen wird dann relevant, wenn sie auf eine Störung hinweisen, die der Klärung bedarf. 

Werden diese Gefühle nicht benannt, beeinflussen sie nicht nur das eigene Handeln, sondern auch das des jeweiligen Gesprächspartners. Denn im "Erspüren" der Gefühle eines anderen sind wir besser, als wir manchmal denken. Sie können uns irritieren, verunsichern oder provozieren – auf jeden Fall reagieren wir darauf. Wer dann auf seine Nachfrage womöglich ein "Nein, da ist nichts" als Antwort erhält, wird sich ganz auf seine Mutmaßungen und Unterstellungen verlassen – und wohin das führen kann, haben wir bereits gesehen.

Das Reden über Gefühle bedeutet nicht notwendigerweise eine ausführliche Darstellung der emotionalen Befindlichkeit mit anschließender Diskussion. Die eigenen Gefühle beim Namen zu nennen ist vielmehr eine sinnvolle Information für den Gesprächspartner, eine Art Standortbestimmung. Voraussetzung dafür ist allerdings, gleichzeitig den Auslöser und das dazugehörige Bedürfnis zu benennen, möglichst verbunden mit einer Bitte an den anderen. Das erleichtert dem/der Gesprächspartner/in auf Ihre Bedürfnisse eingehen zu können. 

Darüber wird es in dem sechsten Kursteil gehen. Doch zunächst einmal soll es um "echte" und Scheingefühle gehen.

Wie soll ich's ihm denn sagen?

Scheingefühle

Wir reden oft über sie, ohne sie wirklich beim Namen zu nennen. Man könnte fast sagen, dass wir in unserer Umgangssprache einen Weg gefunden haben, an unseren Gefühlen vorbeizureden – trotz häufiger Verwendung der Worte "fühlen und Gefühl". Tatsächlich handelt es sich eigentlich um Gedanken, Wahrnehmungen und Interpretationen, die im alltäglichen Sprachgebrauch als vermeintliche Gefühle daherkommen.

Um das Gespräch fortzuführen, clicken Sie auf die Sprechblase am unteren Bildrand.

Scheingefühle

Schein oder echt?

Immer wenn ein angebliches Gefühl einen Verursacher erfordert, liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass es sich um ein "Scheingefühl" handelt.
Wer sich bevormundet fühlt, denkt, er würde bevormundet oder nicht ernst genommen. Die Wahrnehmung mag stimmen oder nicht – doch von einem Gefühl war jedoch nicht die Rede.  


"Ich fühle mich nicht ernst genommen"  – das ist eine Schlussfolgerung oder eine Interpretation, aber keinesfalls ein Gefühl.

Scheingefühle unterstellen dem Gesprächspartner unterschwellig, dass er oder sie an den eigenen Gefühlen "Schuld" ist. 

Es ist eine weit verbreitete Angewohnheit, Gedanken und Interpretationen für Gefühle zu halten – und eine, die sich wieder abgewöhnen lässt.

"Echte" Gefühle

Eigenheiten "echter" Gefühle

Die Gefühle, die wir meinen, sind lebendig und dynamisch. Sie tauchen aus unserem Inneren auf – und oft sind sie bald wieder verschwunden. Und ob sie groß und tief, leicht und verspielt oder dunkel und schwer sind: Sie sind die Art und Weise, wie sich unsere Bedürfnisse bemerkbar machen und nach Aufmerksamkeit rufen – eine Art Sprachrohr unserer Bedürfnisse.

So unterschiedlich und breit gefächert Gefühle auch sind – wir Menschen haben sie alle gemeinsam, ganz gleich, welcher Kultur wir angehören.

 Welches Gefühl unter welchen Bedingungen wann auftaucht, ist hingegen eine Frage der Persönlichkeit und der individuellen Prägung. Wir neigen dazu, unsere Gefühle in positive und negative aufzuteilen und bemühen uns, die negativen so schnell wie möglich loszuwerden. Im Zusammenhang mit unseren Bedürfnissen wird allerdings aus einem vermeintlich "negativen" schnell eines, das uns wichtige Informationen vermittelt, das wahrgenommen und ausgedrückt werden will – in eigener Verantwortung.

Übung: Unterscheidung von echten Gefühlen zu Scheingefühlen

  • Ich habe das Gefühl, dass Sie es besser wissen sollten als langjährige Fachfrau/-mann!
  • Ich fühle mich als Sekretärin nicht ernst genommen.
  • Ich bin irritiert, dass Sie mir diese Aufgabe zuteilen.
  • Ich habe das Gefühl, mein Chef manipuliert mich.
  • Ich bin bei dieser Aufgabe sehr ungeduldig mit mir selbst.
  • Ich bin enttäuscht, dass Herr Schümpf nun mit dem Auftraggeber eine andere Vereinbarung getroffen hat als abgemacht.
  • Ich habe das Gefühl, Frau Groß ist immer sehr verantwortungsvoll.
  • Ich habe das Gefühl, ich bin den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite, nicht wichtig
Markieren Sie die Aussagen, die echte Gefühle benennen!

Einen Gefühlswortschatz aufbauen 1

Gefühle benennen

Wenn wir unsere Gefühle ausdrücken wollen, dann hilft es uns, Wörter zu benutzen, die spezifische Gefühle benennen statt Wörter, die vage oder allgemein sind. Wenn wir z.B. sagen: "Ich habe ein gutes Gefühl dazu", dann kann das Wort gut bedeuten, dass wir glücklich sind, aufgeregt, erleichtert oder eine Vielzahl anderer Gefühle empfinden. Wörter wie gut oder schlecht sind Bewertungen, die verhindern, dass der Zuhörer mit dem, was wir wirklich fühlen, leicht in Kontakt kommen kann.

Das folgende Wörterverzeichnis wurde zusammengestellt, zur Stärkung des Potentials, Gefühle zu artikulieren.

Einen Gefühlswortschatz aufbauen 2

Glückwunsch!

In diesem Abschnitt des Kurses konnten Sie sich ein Bild von dem "Wie" und dem "Was" von Gefühlen am Arbeitsplatz machen.
In dem nächsten und letzten Abschnitt erfahren Sie nun mehr über die Anwendung des GfK-Prozesses.

6. Den Prozess der GfK anwenden

Die Schritte der GfK anwenden

Zwei Anwendungsmöglichkeiten

Gewaltfrei zu kommunizieren bedeutet zweierlei Verantwortung: für das Sprechen und für das Hören. So gesehen, verläuft auch der Prozess der vier Schritte "zweigleisig".
Die GfK kann zum einen angewendet werden, wenn Sie etwas mitteilen wollen ohne zu beschuldigen oder zu kritisieren. Andererseits können Sie mit der Methode empathisch aufnehmen, also einer Person einfühlsam begegnen, ohne Kritik zu hören.

Die nachfolgende Übersicht soll Ihnen den Ablauf der Schritte auf beiden Seiten verdeutlichen.

Selbsteinfühlung

Klar ausdrücken, wie es mir geht – ohne Kritik oder Vorwürfe zu äußern


  1. Beobachtung formulierenWas ich beobachte"Wenn ich sehe/ höre/ an was ich mich erinnere/ mir vorstelle..."
  2. Gefühl benennenWie ich mich dabei fühle:"...dann fühl' ich mich/dann geht's mir..."
  3. Bedürfnis ansprechenWas ich brauche, das meinen Werten entspricht:"...weil mir wichtig ist, dass ..."

Bsp:

"Wenn ich Sie alle fünf Minuten Pause machen sehe, dann wird mir mulmig und ich bekomm' Stress. Mir ist wichtig, dass der Auftrag rechtzeitig an den Kunden geschickt wird."


Einfühlung in den anderen

Einfühlsam wahrnehmen, wie es meinem Gegenüber geht – ohne Kritik oder Vorwürfe zu hören.


  1. Situation, Auslöser, Beobachtung benennen Zuhören, was die Person spricht. Das kann zum eigenen Verständnis wiederholt werden: "Wenn du ... siehst/ hörst/ machst,"
  2. Gefühl benennenWie könnte sich mein Gesprächspartner fühlen? "...fühlst du dich dann ...?"
  3. Bedürfnis ansprechenWas könnte das unerfüllte Bedürfnis sein?"...weil dir wichtig ist ...""...weil du ... brauchst?"

Bsp:

"Wenn Sonja behauptet, Sie und Holger würden über sie lästern, sind Sie dann frustriert, weil ihnen respektvoller Umgang wichtig ist?"

Bringen Sie den Satz  in die entsprechende Reihenfolge 1

  • In diesem Meeting fangen Sie jetzt zum dritten Mal an zu sprechen,
  • Während ich am sprechen bin
  • Ich bin irritiert, weil mir wichtig ist,
  • Meine Meinung in einem Stück auszudrücken. Bitte warten Sie mit Ihrem Einwurf, bis ich ausgeredet habe. Ist das o.k. für Sie?
Orientieren Sie sich dafür an der im vorigen Abschnitt beschriebenen Reihenfolge des GfK-Prozesses:
  1. Beobachtung der auslösenden Situation
  2. Gefühle ansprechen
  3. Bedürfnis dahinter benennen

Diese vorgegebene Reihenfolge soll eine Erleichterung sein, um die Schritte zu verinnerlichen.
Sie können für sich persönlich die Reihenfolge natürlich auch verändern

Bringen Sie den Satz in die entsprechende Reihenfolge 2

  • Sie stellen sich vorne in die Schlange,
  • Das regt mich auf,
  • Weil ich möchte, dass es fair der Reihe nach geht. Bitte stellen Sie sich hinten an, einverstanden?
Die Reihenfolge des GfK-Prozesses:
  1. Beobachtung der auslösenden Situation
  2. Gefühle ansprechen
  3. Bedürfnis dahinter benennen

Aussage umformulieren 1

Formulieren Sie die folgende Aussage um:

"Wieso nimmt eigentlich jeder ständig diesen Idioten in Schutz? Und was ist mit mir, bitte schön?"

Gehen Sie dazu nach dem GfK-Prozess vor:

  1. Beobachtung der auslösenden Situation
  2. Gefühle ansprechen
  3. Bedürfnis dahinter benennen

Bei diesem Satz fehlt der Kontext. Um die Beobachtung zu formulieren, können Sie daher den Satz nutzen "Wenn ich dich das sagen höre, dann..." und mit der Nennung des Gefühls fortfahren, dass Sie möglicherweise haben könnten.

Formulierungsmöglichkeit

"Wieso nimmt eigentlich jeder ständig diesen Idioten in Schutz? Und was ist mit mir, bitte schön?"

Umformulierungsmöglichkeit nach dem GfK-Prozess:

Wenn ich dich das sagen höre (Beobachtung), dann bin ich frustriert (Gefühl), weil mir Aufmerksamkeit genauso wichtig ist (Bedürfnis).

Aussage umformulieren 2

Formulieren Sie die Aussage in Anführungszeichen um:

Ist das ein Grund, ihn vor versammelter Mannschaft zu demütigen?

"Jetzt spiel du dich hier doch nicht als der große Menschenreund auf! Wenn du mit Anette Kaffeepause machst, seid ihr doch auch nur am Ablästern."

 

Gehen Sie dazu nach dem GfK-Prozess vor:

  1. Beobachtung der auslösenden Situation
  2. Gefühle ansprechen
  3. Bedürfnis dahinter benennen

Formulierungsmöglichkeit

Ist das ein Grund, ihn vor versammelter Mannschaft zu demütigen?

Jetzt spiel du dich hier doch nicht als der große Menschenreund auf! Wenn du mit Anette Kaffeepause machst, seid ihr doch auch nur am Ablästern.

Umformulierungsmöglichkeit:

Mich irritiert, dass du sagst, ich würde ihn vor versammelter Mannschaft demütigen. Mir ist wichtig, dass ich für meine Arbeit ebenso Anerkennung bekomme.


Aussage umformulieren 3

Formulieren Sie die Aussage um:

"Jedes Mal, wenn ich in die Teeküche komme, hört ihr sofort auf zu reden und ich fühl mich dann so was von überflüssig …"

 

Gehen Sie dazu nach dem GfK-Prozess vor:

  1. Beobachtung der auslösenden Situation
  2. Gefühle ansprechen
  3. Bedürfnis dahinter benennen

Formulierungsmöglichkeit

Jedes Mal, wenn ich in die Teeküche komme, hört ihr sofort auf zu reden und ich fühl mich dann so was von überflüssig …

Umformulierungsmöglichkeit:

Ich treffe euch in dieser Woche schon zum dritten mal in der Küche an und ihr scheint genau wenn ich komme mit reden aufzuhören. Ich bin angespannt, weil mir Offenheit und Integration wichtig sind. 

Glückwunsch!

Nun haben Sie den letzten Abschnitt des Kurses abgeschlossen! In der Anwendung der Methode wird es Ihren Kollegen und Mitarbeitern nun leichter fallen, in Kontakt mit Ihren Bedürfnissen zu gehen. Somit wird es für sie auch leichter fallen, auf Sie einzugehen.

Sie haben den Eindruck, dass Sie die Methode nun noch nicht anwenden können?  – Kein Problem! Gewaltfrei kommunizieren ist ein schrittweiser Lernprozess, der Übung bedarf.

Falls Sie nun Interesse bekommen haben, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen, schauen Sie in eines der Bücher, aus denen die Texte und viele der Übungen entnommen  sind:

  • "Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens", Marshall B. Rosenberg, Junfermann Verlag, Paderborn
  • "Mach doch, was du willst! Gewaltfreie Kommunikation am Arbeitsplatz", Susann Pásztor, Klaus-Dieter Gens, Junfermann Verlag, Paderborn
  • "Trainingsbuch Gewaltfreie Kommunikation", Ingrid Holler, Junfermann Verlag Paderborn

Oder finden Sie Seminare und Übungsgruppen in Ihrer Nähe:

www.gewaltfrei.de